T O D S P A N N U N G

 Raum für phantastische und serielle Spannungsliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts von Robert N. Bloch und Mirko Schädel

»Jack der Aufschlitzer – das blutige Rätsel Londons. Erzählung aus der Londoner Verbrecherchronik« von Victor von Falk um 1908
von Mirko Schädel



Victor von Falk, das ist Heinrich Sochaczewsky, 1861–1922: Jack, der Aufschlitzer – das blutige Rätsel Londons. Erzählung aus der Londoner Verbrecherchronik, Berlin: A. Weichert um 1908, Sammlung interessanter Brigantenromane Band 10, 176 Seiten, nachgebundene Broschur



In Jack der Aufschlitzer erzählt uns der Autor in einer Art prologartigem Kapitel von einer Familienidylle. Die Flints, Mutter, Vater und zwei Kinder, sind eine glückliche, englische Idealfamilie, die von gegenseitigem Vertrauen, Liebe und Respekt getragen wird. Vater Flint ist ein erfolgreicher Kaufmann, sein Sohn Edgar studiert Medizin, seine Tochter wird sich bald mit dem Geschäftspartner des Vaters verheiraten. Die Mutter ist eine liebevolle Hausfrau, Mutter und Gattin. Doch Edgar Flint, der Sohn, erfährt, daß seine Schwester ihren künftigen Mann nicht liebt. Bei einem Gespräch mit seinem Vater stellt sich heraus, daß die Heirat der Schwester mit Flints Geschäftspartner arrangiert ist, und daß jener Geschäftspartner Vater Flint offenbar mit einem rätselhaften Druckmittel in der Hand hat, und also erfolgreich erpreßt. Die Hochzeit findet statt, doch schon bald zerbricht das idylische Familienleben gänzlich, denn die junge Braut hat sich einen Liebhaber zugelegt und scheint mit diesem auf Nimmerwiedersehen geflüchtet zu sein. Der geprellte Schwiegersohn und Geschäftspartner tobt und droht der Familie. Edgar, der verwirrt ist und nicht schlafen kann, beobachtet zufällig in der Nacht wie sein Vater in merkwürdiger Kleidung das Haus verläßt und das verrufene Viertel White Chapel aufsucht, wo er offenbar in einer Art Kneipe mit angeschlossenem Bordell recht bekannt zu sein scheint, auch eine Beziehung einer Lebedame zu seinem Vater wird Edgar beobachten.

Edgar ist sich im klaren darüber, daß sein Vater vermutlich schon lange Zeit ein Doppelleben geführt hat und damit erpreßbar geworden ist. Der Sohn verläßt fluchtartig die Kaschemme und eilt nach Hause. Am nächsten Morgen in der Frühe wird die Leiche des Vaters frei Haus geliefert. Noch bevor die Gattin des Verstorbenen die Leiche zu Gesicht bekommt, wird letztere entkleidet, und alle Spuren jenes offensichtlichen Doppellebens werden verwischt. Er starb vermutlich an einem Herzversagen.

Doch bei der Beerdigung des unbescholtenen Kaufmanns kommt es zum Eklat. Die Geliebte des alten Flint und der Schwiegersohn teilen den Trauergästen lautstark mit, was für ein Mensch der alte Flint tatsächlich gewesen ist. Die Witwe Flints stirbt zwei Tage später. Edgars Eltern, nun das Gespött der Leute, sind tot, seine Schwester, eine entehrte Dirne, die mit ihrem Geliebten durchgebrannt ist, bleibt verschwunden. Die Familie ist restlos zerbrochen und ausgelöscht. Nur Edgar ist übrig geblieben.

Victor von Falk schließt das alte Kapitel und beginnt ein neues, das zwölf Jahre später von den Verbrechen Jack the Rippers erzählt – und der weitentwickeltem englischen Polizeiarbeit, der es trotz ihrer internationalen Überlegenheit bisher nicht gelungen ist, den Ripper zu fassen.

Eine junge, weibliche Detektivin, voller Elan und Talent, findet sich bereit als Lockvogel zu dienen. Dabei schützt sie ihren Torso mit einem Kettenhemd, ist mit Stilett und Pistole bewaffnet und umgeben von einem halben Dutzend eifriger Detektive, die sie zu schützen suchen. Doch nach einigen Wochen wird die junge Dame ebenfalls Opfer des Rippers, während die Detektive durch einige Umstände ein paar Minuten unaufmerksam waren.

Die nächste Episode dreht sich um einen Briefträger, dessen junge Ehefrau der Gelegenheitsprostitution nachgeht – ohne Wissen Ihres Gatten. Doch auch diese Dame wird vom Ripper aufgeschlitzt. Der treue Ehemann stirbt ein Jahr später am Kummer über seine untreue und ermordete Frau.

Ein Kapitel später macht uns von Falk auf den berühmten Arzt Dr. Remember aufmerksam, der mit seiner jungen Frau und seinem Schwiegervater nach einer steilen Karriere aus Indien heimgekehrt ist. Nur die merkwürdigen Stimmungsschwankungen und reichlich nervösen Wutausbrüche, aber auch das zwanghafte Schärfen seiner Operationsmesser lassen den Leser ahnen, daß es sich um den jungen Flint handelt, der vor zwölf Jahren an der Hurerei seines Vaters fast zugrunde gegangen ist. 

Da Dr. Remember in der ersten Gesellschaft Londons verkehrt, verwundert es nicht, daß eines Abends beim Messerschärfen und nach einem veritablen Familienstreits, sich der Londoner Polizeipräsident melden läßt. Letzterer möchte sich offenbar über die Meinung des berühmten Arztes zu Jack the Ripper informieren, denn der Polizeipräsident ist sich sicher, es muß sich um einen Wahnsinnigen handeln. Dr. Remember widerspricht und behauptet, verrückt müsse der Täter nicht unbedingt sein, aber vielleicht doch eine Art Lustmörder, während er eine erkleckliche Anzahl von Beispielen aus der sado-, masochistischen Literatur des Flagellantismus zum Besten gibt, zum Beispiel erzählt Dr. Remember von einem Russen, der 100.000 Rubel springen läßt für den Dienst einer Dame, die ihn wie einen Hund behandelt hat.

Wenige Augenblicke darauf läßt Dr. Remember noch mehr in seine Seele blicken, denn der Leser weiß bereits, daß der Sohn des alten Flint und heutige Dr. Remember niemand geringeres ist als Jack der Aufschlitzer. Gegenüber dem Polizeipräsidenten spekuliert Dr. Remember nun auch darüber, daß der Aufschlitzer möglicherweise eine offene Recnnung mit den Dirnen der Stadt habe, daß es Rache sei, die den Mörder leitet. Und Dr. Remember vergißt sich dabei dermaßen, daß sich seine gesamte Physiognomie und Körperhaltung bedrohlich verändert. In einer Art wahnsinnigem Veitstanz geht Dr. Remember auf den Polizeipräsidenten los und droht diesen zu erdrosseln, in der einen Hand hält der gute Mann auch ein Messer. Doch glücklicherweise fängt sich der Mörder rechtzeitig, und sein Opfer, der Polizeidirektor ist nunmehr von der schauspielerischen Leistung seines Freundes Dr. Remember überzeugt – und hält die ganze Aktion für eine Veranschaulichung und empathisches Hineinsteigern des exzentrischen Dr. Remember. Der Polizeipräsident entschuldigt und verabschiedet sich. Doch Dr. Remember sitzt leichenblaß auf seinem Sessel, völlig gebrochen, geht dann wankend zu seinem Arzneimittelschrank und jagd sich eine Droge in die Vene, während seine Frau unten im Salon Chopin spielt. Damit nicht genug, der gute Doktor zieht sich einen alten Mantel an und schminkt sich das Gesicht, greift sich einen falschen Bart und flüchtet auf die Straßen des nächtlichen Londons.

Währenddessen wird im Hause Dr. Remember ein alter Freund gemeldet, der verzweifelt Edith, die Gattin Dr. Remembers, liebt. Edith empfäng den Mann, macht ihm aber keinerlei Hoffnungen und weist ihn ab. Edith zieht sich um, denn sie und ihr Mann wollen um Mitternacht auf einen Empfang des französischen Botschafters. Kurz vor Mitternacht beschließt Edith ihren Gatten in seinem Arbeitszimmer zu überraschen, um ihn an die Abendgesellschaft zu erinnern, doch als sie die Tür öffnet, sieht sie ihren Mann in grauenvoller Verkleidung, mit Blut an den Händen und irre blickend, ein herausgetrenntes, menschliches Herz liegt achtlos auf dem Fußboden.

Spätestens an diesem Punkt, wie zuvor auch schon angedeutet, entwickelt sich eine Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Geschichte, die von Falk recht virtuos in Szene gesetzt wird.

Der Leser rechnet nun damit, daß Edith vor Entsetzen das Bewußtsein verliert und plötzlich erkrankt in ihrem Bett bis zu ihrem nahen Tod dahinsiecht, aber nichts dergleichen. Stattdessen erörtert das Ehepaar nüchtern die soeben stattgefundene Szene, während Dr. Remember erklärt, er habe eine Leiche obduziert, das Organ aus Interesse mitgenommen, sein von Blut befleckten Mantel dort vor Ort liegen gelassen und sich von einem jungen Kollegen diesen alten Mantel als Notbehelf geliehen.

Edith, den Schrecken noch in den Gliedern, hat nicht mehr die Absicht die Abendgesellschaft zu besuchen, stattdessen begibt sie sich ins Bett. [Was der Autor dieser Zeilen vollkommen Edith nachfühlen kann]. Im anschließenden Kapitel wird uns das Opfer des vorigen Verbrechens vorgestellt, ebenso die Durchführung des Mordes. Und als Edith am Folgetag in der Früh die Zeitung liest, stößt sie auf einen Bericht eben jenes Verbrechens, das in dem Diebstahl des blutigen Herzens gipfelt.

Nun ahnt sie, wer ihr Mann ist – und schreibt einen Brief an ihren frühen Geliebten Godfroy, der sich auch bald einfindet und sich die Erörterungen Ediths aufmerksam anhört. Godfrey beschließt Dr. Remember nicht mehr aus den Augen zu lassen und wird Zeuge eines neuerlichen Mordes im Variete-Milieu. Er verfolgt den fliehenden Dr. Remember alias Flint alias Jack the Ripper, der aber entkommen kann. Statt zur Polizei zu gehen, wo Godfroy befürchtet daß seinen Worten eh kein Glaube geschenkt wird, kehrt er zurück in Dr. Remembers Haus, wo er Edith und ihren Vater darüber informiert, daß der Hausherr niemand anderes sei als der gefürchtete Jack the Ripper.

In diesem Augenblick betritt eine Dienstbotin den Raum und erklärt, daß Dr. Remember seine Gattin sprechen möchte. Ediths Vater und Godfroy folgen Edith aus Sicherheitsgründen auf dem Fuße. Edith betritt das Arbeitszimmer ihres Mannes, der Vater und Godfroy bleiben vor der Tür und lauschen. Das Gespräch entwickelt sich in die Richtung eines Geständnisses von seiten Dr. Remembers, der erklärt, daß er angesichts seiner Vorgeschichte nicht anders handeln konnte, als die Sünde systematisch auszumerzen. Dabei gesteht er 87 Dirnen abgeschlachtet zu haben. 

Doch Dr. Remember ist durchaus noch nicht fertig mit seiner Mission, denn er beschließt impulsiv auch seine Frau zu töten, denn diese sei auch nichts anderes als eine Dirne und bändelt hinter seinem Rücken mit ihrem alten Favoriten Godfroy an. Als Godfroy und Ediths Vater dies hören, betreten sie das Zimmer und Godfroys Revolver sorgt dafür, daß Edith unbeschadet überlebt. Unser lieber Dr. Remember richtet sich selbst mittels eines Giftes, und wird neben dem Grab seiner Eltern bestattet. Godfroy und Edith heiraten und leben fortan glücklich und zufrieden in Indien.

Victor von Falk hat hier einen interessanten, witzigen und vor allem blutrünstigen Kriminalroman in Form einer Kolportage geschrieben, die nichts ausläßt und durchaus virtuos und zielstrebig geschrieben ist. Der Autor, der sich anfangs darum bemüht, das sündige Frauenbild mit präziser Menschenverachtung zu beschreiben, feiert ein paar Kapitel weiter die sexuell aufgeklärte und selbstbewußte Frau der Moderne – die naturgemäß ein geeignetes Opfer unseres tugendhaften, aber traumatisierten Serienkillers darstellt.

Sex and crime ist die Devise, und die triefenden Moralvorstellungen der wilhelminischen Zeit werden nicht bedient. Im Gegenteil, von Falk weist indirekt auf die Heuchelei hin, wenn es sich um die sexuelle Selbstbestimmung der Frau handelt, und damit scheint er seiner Zeit weit voraus zu sein. Victor von Falk interessiert sich nicht für eine historisch präzise Darstellung, er nutzt das Sujet des Jack the Ripper nur, um es einem sensationslüsternen, wohl eher liberalen Publikum zu verkaufen.

Die Reihe Sammlung interessanter Brigantenromane ist insofern interessant, als das wohl einige dieser Titel zuvor als 1000-2000seitige Kolportageromane veröffentlicht wurden. Näheres zu diesem Thema werde ich hier in Kürze veröffentlichen.

Außerdem werde ich mir ein paar weitere frühe Ripper-Romane vornehmen und hier davon berichten. Mindestens drei Titel um den Ripper fallen mir auf Anhieb ein.