T O D S P A N N U N G

 Raum für phantastische und serielle Spannungsliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts von Robert N. Bloch und Mirko Schädel

Noch ’n Gedicht
von Mirko Schädel


Ich bin schlicht zu teuer, meine Kosten-Nutzen-
Analyse ist eine Milchmädchen-Rechnung.
Seit 5 1/2 Jahren und damit seit meiner Lungen-
embolie bin ich ein gebrochener Mensch. Noch im
Krankenhaus der Asklepios-Klinik in Hamburg-Altona
wurde mir eine Krebs-Diagnose zuteil, die
nicht zutraf. Ich wurde mit einem anstehenden
Nierenversagen und ohne die Information einer
möglichen Rehabilitationsmaßnahme entlassen.
Darauf habe ich selbst langsam wieder laufen gelernt,
doch die Erschöpfungszustände wurden nicht
besser – auch nicht, als ich zwischendurch ein
Jahr lang einen Halbtagsjob angenommen hatte,
denn kurz nach mittag lag ich in der Regel wieder
im Bett und die Wochenenden schlief ich durch.
Ich kündigte den Job und habe mich nicht
arbeitslos gemeldet und mich nicht erholt.
Glaubt irgendjemand ernsthaft, ich würde mich meine
letzten Jahre noch herumschubsen lassen auf dem
sogenannten Arbeitsmarkt. Ich bin ein qualifizierter
Grafiker und scheiße darauf irgendeinen
hirnverbrannten Deppenjob im Billiglohnsektor
anzunehmen, womöglich als Pförtner
oder in irgendeiner anderen beschäftigungs-
therapeutischen Einrichtung.

Und ich scheiße auf die Wohltaten dieses Staates,
muß ich mich dann ja faktisch entmündigen lassen und
melden, wohin ich gehe und wo ich zu wohnen habe.
Angewiesen auf die Brosamen dieses Staates in dem
sich eine große Zahl von Leuten gewissenlos bereichert ohne
irgendeine signifikante Leistung zu erbringen und ohne
Unterlaß. Und dann sollen die, die durch das zusammen-
gepfuschte, erbärmliche und erbarmungslose
Raster fallen gnädig die Almosen annehmen und
den Rest ihrer Integrität bei der Arbeitsagentur oder
dem Sozialamt abgeben und sich künftig von
beknackten Beamten bevormunden lassen – und
womöglich noch Dankbarkeit heucheln.
Ich scheiße darauf und es langweilt mich unendlich.
Ich bin einfach zu teuer. Und das ist gut so.

Glaubt irgendjemand ernsthaft, daß man in
Hamburg einen Arzt findet, der mehr tut
als die Achseln zu zucken und seine Abrechnung
zu schreiben? Diese häßliche und langweilige
Stadt verfügt über keine Ärzte, sondern über
karrierebewußte Quacksalber, man kann froh
sein, wenn einem aus Profitgier nicht irgendein
Gliedmaß amputiert wird. Bei jeder Krebsdiagnose
geraten Hamburger Ärzte in euphorische Partystimmung. 
Die Anmerkung des Ärztekammerpräsidenten, daß die
Medizin nicht weiter kommerzialisiert werden
sollte, ist die größte Heuchelei, die ich seit
langem hörte.

Nachdem ich die letzten Jahre versuchte
mich mit dieser tristen Lebensweise anzufreunden,
sehe ich jetzt deutlich, daß dies ein Trugschluß
ist, denn ich bin schlicht zu teuer. Ich verdiene nichts,
ich bekomme keine Rente, aber ich soll die
Krankenversicherung als Zwangsmitglied zahlen,
vollkommen gleichgültig, ob ich Einkommen habe
oder nicht. 350 Euro Zwangsmitgliedschaftbeitrag im Monat,
der an einen Berufsstand von Quacksalbern, Betrügern
und Bürokraten ausgeschüttet wird. Ich bezahle
die Deppen, die nichts taugen und es reicht mir.
Nein, das ist zu teuer. Ich bin zu teuer. 2 Stunden
am Tag verbringe ich aufrecht, 22 Stunden liege
ich erschöpft im Bett. Dauererschöpfung.

Und es langweilt mich, diese Welt ist so fad,
so kaputt, so ekelhaft, daß es mir ein Gefühl
der Befreiung verschafft, wenn ich mich mit
nichts anderem als meinen Suizid beschäftigte. Ich habe 
keinerlei berufliche Perspektive, es sei denn ich gehe
in den Billiglohnsektor und verschwende meine
restliche Lebenszeit für nichts. Ich bin zu teuer und mich
langweilt dieser Planet und dieses Dasein. Die
Welt hat sich seit meiner Kindheit grundlegend
verändert, meine Kindheit war schon ekelhaft
genug, aber der Zustand den das Leben heute
angenommen hat, ist in anbetracht des Niveaus
meines Ekels kaum noch zu ertragen.

Und ich bin zu teuer. Zu teuer für dieses
reiche Spießerland, das sich selbst langsam
kannibalisiert. Ich bin zu teuer, und deshalb
greife ich die alte Idee von Effizienz auf,
denn ich bin für unsere Gesellschaft vollkommen
überflüssig, ich verursache nur Kosten und
schaue trübselig in diese häßliche, tote Stadt,
die ich verabscheue. Effizienz ist das einzige,
was auch der letzte Depp versteht in diesem Land,
Effizienz ist der kleinste gemeinsame Nenner
der Unbarmherzigkeit und des neuen, mediterranen
Klimas hierzulande. Ich schmutze, ich leiste keinen
Krumen Beitrag am Bruttosozialprodukt, ich atme,
ich leiste keinen Mehrwert und deshalb 
muß ich hier weg. Ich bin deprimiert.

Ich bin nun einem Sterbehilfeverein
beigetreten um meinen Ansprüchen
nach Effizienz Geltung zu verschaffen.
Neben meiner Meinung, daß ich zu teuer sei,
hat sich in mir die bedauerliche Fähigkeit
des Stolzes breitgemacht. Stolz nämlich darauf,
selbständig und unabhängig zu denken und
meine eigenen Entscheidungen zu treffen und
mir nicht von einer korrupten und menschen-
verachtenden Verwaltung vorschreiben zu lassen,
wie ich eventuell zu leben habe oder was ich
tun soll.

Mit ist es eine wahre Freude
tot sein zu dürfen, die reine Vorstellung
davon euphorisiert mich, diese blödsinnige Welt 
soll endlich an mir vorbeiziehen. Mein
Weltekel hat ein Ausmaß angenommen,
daß ich Alfred de Musset um seinen
Selbstmord beneide, denn der hat sich
äußerst effizient an einer Straßen-
laterne aufgehangen. Ich scheiße auf diese
Stadt, diese provinzielle, rattenversuchte
Kleinbürgeridylle namens Hamburg.

Ich scheiße auf dieses Land, das offenbar
nichts dazulernt, und ich scheiße auf
die Ämter und Behörden, die Ärzte
und korrupten Politiker, die kleingeistigen
Verschwörungstheoretiker und Nazis,
ich scheiße auf diese vollgeschissene Ordnung
der selbstermächtigten Schreihälse und
das Fernsehprogramm.

Ich scheiße auf die kinderfickenden
Pfarrer und Pastoren, die Vergewaltiger
und Verfolger, ich scheiße auf die
Autoritäten und die Gläubiger. Ich scheiße
auf die Rassisten bei der Ausländerbehörde,
auf die vollgepissten Hirnschalen, die
bei den Krankenkassen angestellt sind,
ich scheiße auf die Finanzbeamten, die
CumEx-Geschäfte der Bankenmafia decken,
ich scheiße auf die Arbeitsagentur,
die jahrelang den Sozialbetrug der
Industrie und Konzerne geduldet hat,
ich scheiße auf die Nieten dieser Stadt, die
in leitenden Positionen sitzen… Ich scheiße
auf den Dreck, die Feigheit und die schlechte Luft
dieser Stadt. Ich scheiße auf Elon Musk und
Ferrari, auf Porsche und Astra. Ich scheiße auf
Mercedes Benz und Johannes Erler.

Ich scheiße auf dich, Hamburg.
Und ich scheiße auf die deutsche Industrie,
die zu einer verlogenen Betrügerbande
herabgekommen ist. Ganz gleich, wohin
man schaut: Lügen, Lügen, Lügen.
Ausbeutung, Betrug und Mißbrauch. Ich bin
zu teuer dafür, mein Leben wirft nichts ab 
außer Überdruss und Ekel. Ich scheiße
auf meine Gesundheit, ich scheiße auf
Ibiza, Sylt und Mallorca und auf Spanien
sowieso. Ich trage keine Witze mehr bei
und ich freue mich auf den nie endenden
Schlaf und den Zerfall und das Nichts.
Die Ruhe, die Stille und die Atemlosigkeit
in Ewigkeit, Amen. Diese Welt langweilt
mich so sehr, schlimmer gehts nimmer.

Vernichtet Eure Nachbarn, vernichtet Euch
selbst, rüstet auf, vergiftet den Rest, holzt
ab und verdreckt die letzten Reservate.
Ihr könnt mich mal, Eure SUVs, Eure
Golfs, Eure Eigentumswohnungen und
Euer Luxus sind so langweilig. Eure
Kaufsucht und Eure Dreckssüchte
interessieren mich nicht, Eure Probleme
gehen mir am Arsch vorbei. Meinetwegen
steckt Eure Familien in Brand und
raubt der Erde den letzten Rest von
Würde, mir ist es gleich. Es gibt nichts
mehr was mich hält in dieser
Verwesungszeremonie des modernen
Lebens. Mißbraucht Euch gegenseitig,
schlagt Euch die Schnauze blutig, freßt
die Scheiße, die man Euch vorsetzt,
fahrt Auto und seht fern. Sucht Euch im
Internet einen Gewalttäter, der Euch mal
richtig die Fresse blau haut, oder lest
auf Facebook das Grauen der Normalität,
den Schrecken der Durchschnittlichkeit,
den Horror des Mittelmaßes. Treibt es
untereinander, laßt nichts aus und feiert
bis in die Puppen.

Ich bin zu teuer für diese Welt und sie
langweilt mich. Es gibt nichts, was mich hält.
Tschüß, machs gut! Steckt Euch devot den
Virus in den Arsch und streicht Euch die
Gleitcreme in die Augen, es nützt ja
nichts, ich schau mir den Quark nicht mehr
an. Ich weiß, ihr braucht den Voyeur, der
diese Selbstbeweihräucherung dokumentiert,
denn ihr seid ja nichts, wenn Euch nicht
jemand zusieht. Ihr seid nichts, ihr könnt
nichts und ihr steht fortwährend im Weg.

Deshalb wünscht ihr, daß so einer wie
ich bleiben soll und Applaus spenden und
Euch bewundern, und es toll findet, wie
Ihr Geburtstag feiert und Eure Giftmüllkinder
in die Kita bringt. Ich soll das bewundern und
staunen über den Luxus, den Ihr glaubt
besitzen zu dürfen. Ohne den Voyeur, ohne
den Flaneur, ohne den schlichten Beobachter
seid ihr nichts, gar nichts. Ein Stück
Dreck, Säulenheilige der Unfähigkeit,
Konsumenten der Belanglosigkeit und 
der Langeweile. Abonniert Die Welt und
Netflix, masturbiert mit den schicken 
Weingläsern und dem Duschvorhang, den
ihr als Schnäppchen bei Ikea mitgenommen
habt und hofft vergeblich, daß ich mir
Euren langweiligen Scheiß ansehe, der
niemanden interessiert. Euer Porsche, Euer
SUV, Eure Eigentumswohnung, Eure schicken
Sneaker oder die neuen Handtücher, alles Gegenstände,
die Ihr fortwährend mit Euren Darmgasen 
bestreicht, Eure Welt ist bereits keimfrei, ehe
Ihr Guten Morgen sagen könnt. Paßt auf,
daß Ihr Euch nicht selbst einnäßt, wenn
niemand Euren blökenden Luxus anschaut.

Ich werde es jedenfalls nicht sein, Eure Welt
ist nicht meine Welt, Eure Welt ist Langeweile, 
geistiges Vakuum, Leere, Hochglanztristesse,
langweiliger als jedes Hochhausghetto.
Geht einfach tanken, wenn Ihr Euch ärgert,
irgendein Depp wird sich schon erbarmen und
Interesse heucheln. Seid wachsam, schlaft nur
am Tag im Büro, wie ihr es gewohnt seid.
Seid tapfer, niemand spricht mit Euch, 
auch wenn jemand mit Euch redet. Es sind
hohle Phrasen, Sprachfüllsel, vorgetäuschte
Empathie, niemand hört Euch zu. Geht zum
Psychiater, wenn jemand den Müll anhören soll,
den ihr zu berichten habt.

Und lest nicht, lesen ist eine Kulturleistung,
also schlaft ihr ein, weil Ihr Schlaf und
Kultur für ein Synonym haltet.
Macht Euren Dreck alleine! Mich geht es 
nichts mehr an. Schlaf gut und träum was
süßes, wach nicht auf, denn es klopft niemand
an der Tür. Draußen ist der Tod und ein
unbefriedrigtes Eichhörnchen, eine Kanalratte
namens Margarethe und die Angst vor
dem Verlust. 

Ich freue mich auf den Tag, die Sekunde,
an dem ich den Schierlingsbecher gereicht 
bekomme und dieser banalsten aller Welten
entschlafe. Welche Befreiung von allem,
von mir, dem Schmerz, der Schlaflosigkeit,
der Tristesse, dem allgemeingültigen Blödsinn,
den qualvollen Stunden des Tages, abseits
von allem, entrückt dem Schwachsinn,
der Dummheit, der perfiden Unterdrückung
und der Ungerechtigkeit, der geheuchelten
Anteilnahme und der vorgetäuschten Empathie.

Ob Licht oder Dunkelheit, ob Stille oder
Lärm, egal, nur weg von diesem langweiligen
und sich selbstüberschätzenden Leben.
Packt Euer erratisches Zaumzeug wieder ein,
ich bin der weiße Neger, der Euren Dreck
nicht wegräumt, der sich nicht duckt und
sich nicht in den Arsch ficken läßt. Seid
froh und dankbar, daß ich mich nicht an
Euren Frühstückstisch setze, denn ich
bin undankbar und gereizt und nicht mehr
hungrig. Begnügt Euch mit dem Ausländer,
der Euch die Pakete bringt, schaut auf
ihn herab um Euch zu erheben, irgendwann
wird er Euch das Paket vor die Füße werfen
und Euch mit Ohrfeigen traktieren, und
das nenne ich ausgleichende Gerechtigkeit.